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Eine Unternehmensbilanz verständlich lesen

Aktiva, Passiva, Eigenkapitalquote: wie Sie in wenigen Schritten erkennen, wie solide ein Unternehmen finanziert ist.

Von der maidav RedaktionVeröffentlicht Geprüft 5 Min. Lesezeit

Aufgeschlagener Geschäftsbericht mit Tabellen, darauf eine Lupe und ein BleistiftAI generated

Eine Bilanz wirkt auf den ersten Blick wie eine Wand aus Zahlen. Tatsächlich folgt sie einer klaren Logik: Auf der einen Seite steht, was ein Unternehmen besitzt, auf der anderen, wie es dieses Vermögen finanziert hat. Wer diese Logik kennt, kann mit wenigen Kennzahlen einschätzen, wie solide ein Betrieb aufgestellt ist. Dieser Beitrag zeigt, wie eine Bilanz aufgebaut ist, welche Kennzahlen sich daraus ableiten lassen und worauf es beim Lesen ankommt.

Eine Momentaufnahme zum Stichtag

Die Bilanz stellt das Vermögen eines Unternehmens und dessen Finanzierung zu einem bestimmten Tag gegenüber, dem Bilanzstichtag. Häufig ist das der 31. Dezember, viele Unternehmen haben aber ein abweichendes Geschäftsjahr. Beide Seiten der Bilanz sind immer gleich groß, denn jedes Vermögensstück ist entweder mit eigenem oder mit fremdem Geld finanziert. Die Summe einer Seite heißt Bilanzsumme.

Weil die Bilanz nur einen Tag abbildet, erzählt sie für sich genommen keine Entwicklung. Ob ein Unternehmen Gewinn erwirtschaftet, zeigt die Gewinn- und Verlustrechnung, die Erträge und Aufwendungen eines ganzen Geschäftsjahres gegenüberstellt. Woher das Geld tatsächlich kam und wohin es floss, zeigt die Kapitalflussrechnung. Warum Gewinn und verfügbares Geld nicht dasselbe sind, erklärt der Beitrag Umsatz ist nicht Gewinn.

Nach § 264 HGB besteht der Jahresabschluss einer Kapitalgesellschaft aus Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung und Anhang. Kapitalmarktorientierte Gesellschaften, die keinen Konzernabschluss aufstellen müssen, ergänzen ihn um eine Kapitalflussrechnung und einen Eigenkapitalspiegel. Der Anhang verdient besondere Aufmerksamkeit, denn dort erläutert das Unternehmen, wie es seine Zahlen ermittelt hat.

Die Aktivseite zeigt das Vermögen

Auf der Aktivseite steht das Vermögen, die Gliederung gibt § 266 HGB vor. Zum Anlagevermögen gehört alles, was dem Unternehmen dauerhaft dienen soll: immaterielle Werte wie Software, Lizenzen oder ein erworbener Geschäfts- oder Firmenwert, Sachanlagen wie Grundstücke, Gebäude und Maschinen sowie Finanzanlagen, etwa Beteiligungen an anderen Unternehmen.

Das Umlaufvermögen umfasst Werte, die sich im laufenden Geschäft rasch umschlagen: Vorräte wie Rohstoffe und fertige Erzeugnisse, Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, also noch nicht bezahlte Rechnungen an Kunden, Wertpapiere und schließlich Kasse und Bankguthaben. Die Reihenfolge folgt der Nähe zum Geld: Je weiter unten ein Posten steht, desto schneller steht er in der Regel als Zahlungsmittel zur Verfügung.

Die Passivseite zeigt die Finanzierung

Die Passivseite zeigt, woher die Mittel stammen. An erster Stelle steht das Eigenkapital: das gezeichnete Kapital, also das von den Gesellschaftern übernommene Grund- oder Stammkapital, dazu Rücklagen, ein Gewinn- oder Verlustvortrag und das Jahresergebnis. Eigenkapital steht dem Unternehmen ohne feste Rückzahlungspflicht zur Verfügung und fängt Verluste als Erstes auf.

Darunter folgen die Rückstellungen, etwa für Pensionen oder Steuern, und die Verbindlichkeiten, zum Beispiel gegenüber Banken oder Lieferanten. Zusammen bilden sie den größten Teil des Fremdkapitals. Für die Analyse ist wichtig, wann diese Schulden fällig werden. Angaben zu den Restlaufzeiten stehen in der Bilanz selbst oder im Anhang, viele Unternehmen fassen sie in einem Verbindlichkeitenspiegel zusammen.

Kennzahlen mit Formel

Aus den Bilanzposten lassen sich Kennzahlen bilden, die Stabilität und Zahlungsfähigkeit beschreiben. Die gängigsten Formeln lauten:

  • Eigenkapitalquote = Eigenkapital / Bilanzsumme × 100
  • Verschuldungsgrad = Fremdkapital / Eigenkapital
  • Anlagendeckung II = (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) / Anlagevermögen × 100
  • Liquidität 1. Grades = flüssige Mittel / kurzfristige Verbindlichkeiten × 100
  • Liquidität 2. Grades = (flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen) / kurzfristige Verbindlichkeiten × 100
  • Working Capital = Umlaufvermögen minus kurzfristige Verbindlichkeiten

Die Eigenkapitalquote zeigt, welcher Anteil des Vermögens mit eigenem Geld finanziert ist, der Verschuldungsgrad setzt fremde und eigene Mittel ins Verhältnis. Die Anlagendeckung folgt dem Grundsatz, dass langfristig gebundenes Vermögen auch langfristig finanziert sein sollte. Liquiditätsgrade und Working Capital geben Hinweise darauf, ob kurzfristige Schulden aus kurzfristig verfügbaren Mitteln bedient werden können.

Ein Beispiel mit erfundenen, runden Zahlen macht die Formeln greifbar. Angenommen wird ein Handwerksbetrieb mit einer Bilanzsumme von 2 Millionen Euro. Das Fremdkapital von 1,4 Millionen Euro besteht aus 900.000 Euro langfristigen Mitteln, nämlich Pensionsrückstellungen und Bankdarlehen, sowie 500.000 Euro kurzfristigen Verbindlichkeiten. Im Umlaufvermögen stecken 300.000 Euro Vorräte, 350.000 Euro Forderungen und 150.000 Euro Bankguthaben.

BeispielBilanz eines erfundenen Betriebs
Bilanzsumme2.000.000 €
Anlagevermögen / Umlaufvermögen1.200.000 € / 800.000 €
Eigenkapital / Fremdkapital600.000 € / 1.400.000 €
Eigenkapitalquote600.000 / 2.000.000 = 30 %
Verschuldungsgrad1.400.000 / 600.000 = rund 2,3
Anlagendeckung II(600.000 + 900.000) / 1.200.000 = 125 %
Liquidität 2. Grades(150.000 + 350.000) / 500.000 = 100 %
Working Capital800.000 € minus 500.000 € = 300.000 €

Das Anlagevermögen des erfundenen Betriebs ist vollständig langfristig finanziert, und die kurzfristigen Schulden sind durch Bankguthaben und Forderungen gedeckt. Die Liquidität 1. Grades von 30 Prozent zeigt aber, dass er darauf angewiesen ist, dass Kunden pünktlich zahlen. Ob 30 Prozent Eigenkapitalquote viel oder wenig sind, lässt sich erst im Vergleich mit der Branche beurteilen.

Wo Sie Bilanzen finden

Kapitalgesellschaften wie GmbH und AG müssen ihre Jahresabschlüsse offenlegen. Nach § 325 HGB übermitteln sie die Unterlagen elektronisch an die Stelle, die das Unternehmensregister führt, in der Regel spätestens ein Jahr nach dem Abschlussstichtag. Dort sind die Abschlüsse öffentlich abrufbar. Kleine Kapitalgesellschaften dürfen eine verkürzte Bilanz aufstellen, die nur die Hauptposten enthält. Einzelunternehmen und viele Personengesellschaften müssen ihre Zahlen dagegen nicht veröffentlichen.

Börsennotierte Unternehmen veröffentlichen ihre Zahlen zusätzlich im Geschäftsbericht, meist auf der eigenen Internetseite im Bereich für Investoren. Inlandsemittenten müssen ihren Jahresfinanzbericht spätestens vier Monate nach Ende des Geschäftsjahres öffentlich zugänglich machen. Konzerne, deren Wertpapiere an einem organisierten Markt zugelassen sind, stellen ihren Konzernabschluss nach den internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS auf, wie es eine EU-Verordnung und § 315e HGB vorsehen. Der Einzelabschluss der Muttergesellschaft folgt in Deutschland weiterhin dem HGB.

Worauf es beim Lesen ankommt

Kennzahlen entfalten ihre Aussagekraft erst im Vergleich. Ein Softwarehaus braucht kaum Maschinen und kommt mit wenig Anlagevermögen aus, ein Energieversorger dagegen bindet viel Kapital in Anlagen. Sinnvoller als ein starrer Richtwert ist deshalb der Vergleich mit Unternehmen derselben Branche und mit den Vorjahren desselben Unternehmens.

Hinzu kommen Stichtagseffekte. Weil die Bilanz einen einzigen Tag zeigt, können Zahlungseingänge kurz vor dem Stichtag oder saisonal schwankende Vorräte das Bild verschieben. Ein Handelsunternehmen mit starkem Weihnachtsgeschäft sieht Ende Dezember anders aus als im Spätsommer. Ein Blick auf mehrere Jahre gleicht solche Schwankungen aus.

Ein Sonderpunkt ist Leasing. Nach dem internationalen Standard IFRS 16 erfassen Leasingnehmer seit 2019 die meisten Leasingverträge als Nutzungsrecht auf der Aktivseite und als Leasingverbindlichkeit auf der Passivseite. Im HGB-Abschluss erscheinen viele Leasingverträge dagegen nicht in der Bilanz. Wer einen IFRS-Konzernabschluss mit einem HGB-Abschluss vergleicht, sollte diesen Unterschied kennen, weil er Bilanzsumme und Eigenkapitalquote spürbar verändern kann.

Eine Bilanzkennzahl ohne Branchen- und Vorjahresvergleich bleibt eine Zahl ohne Maßstab.

Eine Bilanz beantwortet nicht jede Frage, aber sie hilft, die richtigen zu stellen: Wie viel Eigenkapital federt Verluste ab, passen Vermögen und Finanzierung zeitlich zusammen, reicht das kurzfristig verfügbare Geld für die kurzfristigen Pflichten? Zusammen mit Gewinn- und Verlustrechnung, Kapitalflussrechnung und Anhang ergibt sich daraus ein belastbares Bild. Begriffe, die beim Lesen unklar bleiben, erklärt das Wirtschaftslexikon.

Häufige Fragen

Was unterscheidet die Bilanz von der Gewinn- und Verlustrechnung?

Die Bilanz ist eine Bestandsaufnahme zu einem Stichtag: Sie zeigt Vermögen, Eigenkapital und Schulden. Die Gewinn- und Verlustrechnung erfasst dagegen alle Erträge und Aufwendungen eines Geschäftsjahres und ermittelt daraus den Gewinn oder Verlust. Beide hängen zusammen, denn das Jahresergebnis aus der Gewinn- und Verlustrechnung fließt in das Eigenkapital der Bilanz ein.

Welche Eigenkapitalquote gilt als gut?

Einen allgemeingültigen Wert gibt es nicht. Wie viel Eigenkapital angemessen ist, hängt stark vom Geschäftsmodell ab: Betriebe mit hohem Anlagevermögen und schwankenden Erträgen brauchen in der Regel mehr Puffer als Unternehmen mit stabilen, wiederkehrenden Einnahmen. Aussagekräftiger als eine Faustregel sind deshalb der Vergleich mit Unternehmen derselben Branche und die Entwicklung über mehrere Jahre.

Wo findet man die Bilanz eines Unternehmens?

Kapitalgesellschaften wie GmbH und AG müssen ihre Jahresabschlüsse offenlegen, sie sind über das Unternehmensregister abrufbar. Kleine Gesellschaften dürfen eine verkürzte Bilanz veröffentlichen. Börsennotierte Unternehmen stellen ihre Geschäftsberichte zusätzlich auf ihrer Internetseite bereit, meist im Bereich für Investoren. Einzelunternehmen und viele Personengesellschaften müssen ihre Zahlen dagegen nicht veröffentlichen.

Warum unterscheiden sich HGB- und IFRS-Abschlüsse?

Das HGB betont traditionell das Vorsichtsprinzip und den Schutz der Gläubiger, die IFRS zielen stärker auf Informationen, die Investoren für ihre Entscheidungen brauchen. Deshalb werden manche Posten unterschiedlich angesetzt oder bewertet, etwa Leasingverträge, die nach IFRS 16 meist in der Bilanz erscheinen. Vergleiche zwischen Unternehmen sind daher nur aussagekräftig, wenn beide nach demselben Regelwerk bilanzieren.

Begriffe

Eigenkapitalquote
Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme in Prozent, ein Maß für die finanzielle Unabhängigkeit eines Unternehmens.
Anlagendeckung
Kennzahl, die zeigt, in welchem Umfang das Anlagevermögen durch Eigenkapital oder zusätzlich durch langfristiges Fremdkapital finanziert ist.
Rückstellungen
Passivposten für ungewisse Verpflichtungen, etwa für Pensionen oder Steuern, deren Höhe oder Zeitpunkt noch nicht genau feststeht.

Zum Wirtschaftslexikon

Quellen

  1. Handelsgesetzbuch, § 266 Gliederung der BilanzBundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
  2. Handelsgesetzbuch, § 264 Pflicht zur Aufstellung; BefreiungBundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
  3. Handelsgesetzbuch, § 315e Konzernabschluss nach internationalen RechnungslegungsstandardsBundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
  4. Handelsgesetzbuch, § 325 OffenlegungBundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
  5. Unternehmensregister, die zentrale Plattform zu UnternehmensdatenUnternehmensregister

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Bild: Illustration, mit KI erstellt.

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